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Erst das Essen und dann die Welt verändern


Vor ein paar Tagen telefonierte ich mit einem befreundeten Gastwirt, von dem ich wissen wollte, ob die aktuelle Vegetarierdebatte auch in seinem Restaurant Auswirkungen zeigt. Er meinte, dass bei ihm sicherlich weniger Fleisch gegessen würde als früher, er aber insgesamt noch immer mehr Gerichte mit Fleisch als vegetarische verkaufe. Während des Dioxin-Skandals hätten allerdings nur ganz wenige Gäste Eierspeisen bestellt. Reagieren Menschen tatsächlich immer nur kurzfristig auf Gefahrenmeldungen und kehren im Anschluss wieder zu den alten (Ess-)Gewohnheiten zurück?

Verdorbene Nahrungsmittel, gepantschter Wein: Der jüngste Dioxin-Schock ist kein Einzelfall, denn die Liste der Lebensmittelskandale ist lang. Vielen noch gut im Gedächtnis ist der Glykolwein-Skandal Mitte der 80er Jahre; damals setzten österreichische und deutsche Winzer das Frostschutzmittel Glykol ein, um ihren Wein zu versüßen. Kurze Zeit später wurde vor Nudelprodukten gewarnt, für deren Produktion man mit Hühnerkot und Bakterien verseuchtes Flüssigei verwendet hatte. In den folgenden Jahrzehnten erschütterten dann Medienberichte über Würmer im Fisch, mit synthetischen Hormonen gezüchtete Schweine und sogenanntes Gammelfleisch, dessen Haltbarkeitsdatum teilweise schon Jahre abgelaufen war, unser Land.

Aus den Medien, aus dem Sinn? Nein, denn immer mehr Menschen beginnen, das eigene Essverhalten kritisch zu hinterfragen und zu verändern. Öko-Supermärkte sind in den vergangenen 10 Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen und erfreuen sich großen Zulaufs, selbst gewöhnliche Discounter haben immer mehr Bioprodukte im Angebot und der wöchentliche Einkauf auf dem Markt gilt heutzutage als total hip. Wer es sich leisten kann, ernährt sich heute so gesund wie möglich.
Die Anzahl der Vegetarier, früher als ein kleines Grüppchen altmodischer Reformdenker belächelt, steigt gemäß den Statistiken ebenfalls: Sechs Millionen sollen es im Jahre 2010 gewesen sein; das entspricht acht Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der in Deutschland lebenden Veganer beläuft sich auf 600.000 (Quelle: Vegetarierbund Deutschland, beruhend auf einer FORSA-Umfrage im Auftrag von RTL aus dem Jahr 2001).

Dass weniger Fleisch und tierische Produkte zu essen gerade aktueller denn je ist, belegt auch der enorme Erfolg zweier Bücher: Sowohl „Tiere essen“ von dem US-Amerikaner Jonathan Safran Foer als auch „Anständig essen“ von der Deutschen Karen Duwe sind derzeit Bestseller. Die Autoren sind häufige Gäste in Talkshows, es gibt Besprechungen ihrer Bücher in allen großen Zeitungen und die Lesereise, auf die die Verlage beide Autoren gemeinsam schickten, war innerhalb kurzer Zeit restlos ausverkauft.

In beiden Büchern geht es darum, warum man am besten gar kein Fleisch (mehr) essen sollte – ein Leitgedanke, der zwar keineswegs neu ist, aber lange nicht mehr auf so ein dringliche Weise vermittelt wurde wie durch diese beiden Autoren.
Während sich Foer ausschließlich mit solchen Tieren, die wir direkt essen, beschäftigt – etwa mit ihren schockierenden Lebensbedingungen, wie ihre Schlachtung abläuft und welche Auswirkungen das letzten Endes auf uns Menschen und unsere Umwelt hat – stellt Karen Duwe auch diejenigen Tiere, deren Produkte (Eier, Milch, Daunen) wir konsumieren, in den Fokus. Für ihr Buch hat sich die Schriftstellerin jeweils zwei Monate lang zunächst nun von Bio-Lebensmitteln, dann vegetarisch, vegan und zum Schluss sogar frutarisch (nur Produkte, bei deren Ernte die Pflanze nicht zerstört wird, sind erlaubt) ernährt. Erklärtes Ziel während des Selbstversuchs: „Ein besserer Mensch zu werden“. Leichter gesagt als getan, denn als Cola-Light-Fan mit Lust auf Fleisch und einem Faible für Fertigprodukte leidet sie da manchmal schon sehr auf unter ihren selbstaufgelegten Verpflichtungen.

Zugegeben, einige der Dinge, die man in diesen Büchern erfährt, möchte man am liebsten schnellstmöglich wieder vergessen. Wer allen Ausreden zum Trotz dennoch das eigene Essverhalten endlich kritischer unter die Lupe nehmen möchte, dem seien diese beiden Bücher wärmstens empfohlen.

"Tiere essen", von Jonathan Safran Foer, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 19,95 Euro.
„Anständig essen. Ein Selbstversuch“ von Karen Duve, Verlag Galiani Berlin, 19,95 €.

 

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