1/10_Reinhard Mohr Kolumne- Schlechtwetterzulage... PDF Drucken E-Mail

Schlechtwetterzulage für alle!


„Ob Sonne, ob Regen – wir sind dagegen!“ So lautete eine der vielen linken Spontiparolen aus den siebziger Jahren, die letztlich immer eines ausdrücken sollten: Rebellion ist gerechtfertigt, auch wenn trügerisch die Sonne scheint. Von diesem „Verblendungszusammenhang“ ließ man sich schon gar nichts vormachen. Der gute alte SDS von Rudi Dutschke & Co. hatte schon 1967 plakatiert: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“

Heute ist es gerade umgekehrt. Das Wetter selbst wird zur Politik, besser, zum Gegenstand von Dramatisierung und Skandalisierung. Dabei ist hier nicht von der Klimaerwärmung die Rede, also von einem wirklich bedrohlichen, global wirksamen Trend, der seit Jahrzehnten im Gang ist. Nein, es geht tatsächlich nur um Sonne und Regen, Schnee und Kälte, Hitze und Trockenheit.
Um das also, was die Menschheit von Anbeginn begleitet: die natürlichen Bedingungen des Lebens auf der Erde.

Niemand kann mehr sagen, wann der Prozess begann, in dessen Verlauf das Wetter, das immer auch eine Gefahr für Mensch und Tier war, zur täglichen Sensation wurde, zum Monster, ja zur apokalyptischen Bedrohung. Manche sagen, das Phänomen trage den Namen Kachelmann, andere verweisen auf Amerika, wo schon seit Jahrzehnten das Wetter zum Melodrama mutiert ist, zur Show zwischen Horror und quasireligiöser Anbetung.

Wie auch immer: Jahreszeitlich normales Wetter, so unangenehm es für den einzelnen sein kann, gibt es nicht mehr. Inzwischen ist es (fast) immer der glatte Wahnsinn, im Wortsinn.
„Hilfe, Blitzeis!“ schrillt es heute durch die Medien, wenn Nässe bei Temperaturen unter null Grad Celsius gefriert – angewandte Physik, made by nature. Zu Zeiten der großen flämischen Maler war das noch ein herrliches Motiv für wunderbare Gemälde voller Farbe und Lebensfreude, heute meldet sich die „Unwetterzentrale“.

Ganz schlimm war es Anfang 2010. Tage im Voraus wurde vor einer „Schneekatastrophe“ gewarnt, die das Land lahm legen würde. Einige Institutionen der postmodernen Rundumvorsorge rieten schon zu „Hamsterkäufen“ (früher wurde genau davor gewarnt), und nicht wenige Menschen verschoben abendliche Verabredungen und Besuche bei Freunden. Als wäre ein vernichtender Hurrikan im Anmarsch, verbarrikadierte man sich in seinen vier Wänden und harrte des weißen Schreckens, der da kommen würde.

Und siehe, es fiel Schnee. Ziemlich viel Schnee. Felder und Wiesen, Berge und Bäume wurden in ein märchenhaftes Weiß getaucht, selbst die Straßen Berlins überzog eine durchgehende Schneeschicht, auf der die Autos nahezu lautlos vorwärts glitten. Nur an der äußersten Nordostecke des Landes kam es zu größeren Behinderungen des Straßenverkehrs, die binnen 24 Stunden beseitigt waren.

Der Rest war: Winter, wie er früher einmal war. In Zeiten einer sensationshungrigen Mediengesellschaft ist das aber viel zu langweilig, und so wurde immer weiter spekuliert, was hätte passieren können, wenn der Wind anders geweht hätte oder der Niederschlag noch ergiebiger ausgefallen wäre. Man ahnt: Furchtbare Schneeverwehungen wie in der Eishölle des Nanga Parbat – und dann auch noch Klein-Diedersdorf tagelang von der Umwelt abgeschnitten. Unwetterzentrale, bitte melden!
Fast enttäuscht zog manch einer Bilanz und fragte schon mal den Weatherman im Radio, wann denn nun endlich, endlich der Frühling komme. Der nahm allen Mut zusammen und sagte wahrheitsgemäß, Mitte Januar käme diese an sich sehr verständliche Frage ein klitzekleinesbisschen zu früh.

Doch wir Haudegen der verschärften Wetterdramaturgie, wir Kriegsopfer, Witwen und Waisen der Wetterfront wissen längst, wie es weiter geht. Schon im März rast die erste Hitzewelle durchs ausgedörrte Land (wie seit 17 Jahren nicht mehr!), und bereits im April wird vor einer „katastrophal schlechten Kartoffelernte“ gewarnt. Der Mai wird mördermässig nass, und die RTL-Reporter waten nur noch in Gummistiefeln durch den „Höllensumpf“, der einst Deutschland hieß. Pünktlich zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika vertreiben Schneeregen und Hagel auch die tapfersten Fußballanhänger von den Fan-Meilen.

Ende Juli – Deutschland ist Vizeweltmeister der Herzen – setzt eine verheerende Trockenheit ein. „Liegt die Sahelzone jetzt im Ruhrgebiet?“ fragt BILD, und natürlich wird das Trinkwasser knapp.
„Brennen jetzt bald auch unsere Wälder?“ fragt ein Betroffener bei Anne Will (Thema: „Und wer hilft jetzt uns?“).

Ab Mitte September setzen tagelange Wolkenbrüche das ausgetrocknete Land unter Wasser, und erste Auguren warnen schon vor der Einschleppung der Wasserbüffelgrippe aus Bangladesh.   
Ende November blockiert ein außergewöhnlich früher Wintereinbruch das Land, und die schwarz-gelbe Regierung beschließt die Wiedereinführung der Schlechtwetterzulage.
Diesmal gilt sie ganzjährig. Und für alle.
So viel Katastrophenvorsorge muss sein.

REINHARD MOHR

 

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