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Forschung: Neue Kartoffel mit Tilling PDF Drucken E-Mail

20100803_ETHIKKOOPERATION im Gespräch mit Dr. Christian Bachem, Tillingexperte an der Universität Wageningen, zum Tilling:


Aufgrund der wissenschaftlichen Entwicklung, versucht ETHIKKOOPERATION sich dem Thema Tilling weiter zu nähern. Hintergrund: Eine Kartoffel, die jüngst mit der neuen Tilling-Methode hergestellt wurde, kann dasselbe wie die gentechnisch produzierte Sorte Amflora. Die neue Kartoffel bildet ausschließlich eine bestimmte Stärke, die industriell in großen Mengen verarbeitet wird.


Pflanzenzüchtung durch die neue Tilling-Methode gilt als naturgemäß, artgerecht und ungefährlich. Was unterscheidet Tilling, kurz und verständlich gesagt, von Gentechnik? Und: Gibt es auch Gemeinsamkeiten?

Tilling ist eine Methode, Unterschiede (natürliche und künstlich erzeugte) in spezifischen Genen zu finden, die von Interesse sind. Haben die Wissenschaftler solche Unterschiede gefunden, können sie versuchen, diese in Beziehung zu charakteristischen Eigenschaften der Organismen zu setzen, die sie gerade untersuchen. Wir haben zum Beispiel ein Gen untersucht, das für die charakteristische rote Farbe von Tomaten verantwortlich ist. Die (durch  Tilling  gefundene) Veränderung eines einzigen Basenpaars in diesem Gen führt zu einer gelben Tomate. Obwohl genetische Modifikation das gleiche Ergebnis erzielen kann wie Tilling, kann man diese beiden Verfahren nicht gleichsetzen.

Eine Expertenmeinung lautet: „Im Labor wird lediglich im Eiltempo nachgestellt, was auch in der Natur geschehen könnte.“ Sind aber die künstlichen Laborbedingungen nicht wider die Evolution, wider die Natur?

Wissenschaftler können wahrscheinlich nur Ergebnisse erzielen, welche die Natur in der Vergangenheit bereits erreicht hat oder in Zukunft einmal erzielen wird. Tilling ist nur ein Verfahren, Genvarianten zu finden, die entweder in der Natur oder im Labor entstanden sind.

Durch Züchtungen und Kreuzungen greift der Mensch seit Jahrtausenden in den Prozess der natürlichen Evolution ein. Tilling sei nun nichts anderes als ein hoch-technisiertes und punktgenau zielgerichtetes Verfahren der Züchtung, heißt es. Was sagen Sie dazu?
 
Tilling ist zwar nicht wirklich das Gleiche wie Evolution, aber man kann es als einen sehr ähnlichen Prozess bezeichnen.Tilling beschränkt sich auf Gene, die unsere wissenschaftliche Forschung zu bestimmten charakteristischen Eigenschaften in Beziehung setzen kann. Komplexe Merkmale wie den Ertrag und einige spezifische Qualitätsmerkmale verstehen wir noch nicht gut genug, um sie für Tilling nutzbar zu machen.

Tilling bewirkt künstlich sehr viele Mutationen, Veränderungen im Erbgut, nicht nur die erwünschte punktuelle Veränderung eines einzelnen Gens. Birgt das nicht große Risiken durch unerkannte negative Nebeneffekte? Und wenn ja: Wie lassen sich diese verhindern?

Die Startbasis für Tilling ist immer eine große, genetisch differierende Population. Dabei kann es sich um eine natürliche Population handeln (dann sprechen wir von Öko-Tilling) oder um eine Population, bei denen die Mutationen künstlich herbeigeführt wurden. Der Schlüssel des Verfahrens ist die Fähigkeit, in einem Gen von Interesse eine einzelne Basenmutation  zu finden. Darauf muss dann sehr viel konventionelle Züchtung (Rückkreuzung) erfolgen, um diese Mutation von allen anderen, unerwünschten Hintergrundmutationen zu isolieren.
Es besteht die Möglichkeit, dass Hintergrundmutationen während dieses Verfahrens erhalten bleiben. Allerdings tendieren die Risiken für die menschliche Gesundheit gegen Null. Strenge Überprüfungen und Tests sind trotzdem nötig, um diese, sehr geringen, Risiken zu vermeiden.

Tilling kann nicht alles, was die Gentechnik kann, z.B. eine Pflanze besser vor Insekten- oder Pilzbefall schützen, wofür artfremde Gene in das Pflanzengenom eingefügt werden. Sichert dieser Mangel die Zukunft der Gentechnik?

Tilling wird vor allem benutzt, um Gene zu entfernen oder Varianten (Alllele/Genpaare) zu finden, die in wissenschaftlicher, kommerzieller oder gesellschaftlicher von Interesse sind.
Gentechnologie legt es darauf an, ein bestimmtes Gen einzufügen, um ein bestimmtes Merkmal in einem Organismus zu erzeugen oder zu verbessern. Beide Technologien werden sehr wahrscheinlich einen wichtigen Platz in einer Welt einnehmen, die von der Herausforderung durch das Bevölkerungswachstum und die Gefahren der Klimaveränderung geprägt ist.

Die Mehrheit der Bürger lehnt gentechnisch veränderte Pflanzen für Nahrungsmittel ab. Sollte die Akzeptanz der Bürger, fast alles Laien, entscheidend sein für die allgemeine Bewertung und rechtliche Zulassung einer Technik?

Es gibt strenge Regelungen, um sowohl traditionelle als auch molekulare Züchtungsmethoden, einschließlich Tilling und genetischer Modifikationen, zu kontrollieren. Die Wissen-schaftler sind sich darüber einig, dass es einen demokratischen Prozess geben sollte, der diese neuen Technologien reguliert.  Universitäten wie Wageningen-UR haben in Program-me für Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit investiert, um detaillierte und vorurteilsfreie In-formationen für Politik und Bevölkerung zu liefern. Wir sind zuversichtlich, dass der demo-kratische Prozess dazu führen wird, dass in diesen Fragen die richtigen Entscheidungen getroffen werden.


Dr. Christian Bachem  lehrt und forscht an der  Universität Wageningen  in den Niederlanden. Die Universität Wageningen gehört zu den weltweit wichtigsten wissenschaftlichen Institutionen auf dem Gebiet der Life Sciences. Die Studenten und Wissenschaftler entwickeln hier innovative und nachhaltige Lösungen für alles, was der Mensch zum Leben braucht: gesunde und schmackhafte Ernährung, eine intakte Umwelt, lebendige Natur und Raum für Erholung und Nahrungsmittelproduktion. Dabei spielen sowohl die Verbindung von Theorie und Praxis als auch die Verbindung von Natur- und Sozialwissenschaften eine wichtige Rolle. Wageninger Wissenschaftler sind international als ‘denkende doeners’ („Denkende Macher“) bekannt. Es sind Menschen, die mit Kopf, Herz und Händen arbeiten. Infos: http://www.wageningenuniversity.nl/DE/