200909_Hofgut Habitzheim (Naturland) in Habitzheim
Hofgut Habitzheim – Landwirtschaft mit Kräutern und Hochzeitsfeier im ehemaligen Kuhstall
Das Anwesen der Familie zu Löwenstein liegt am Rand des rund 1530 Einwohner zählenden Ortes Habitzheim in der Nähe des Odenwalds. Habitzheim gehört mit noch weiteren fünf Ortsteilen zur Gemeinde Otzberg im hessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg. Urkundlich genannt wurde Habitzheim erstmals 1262 als Habuchisheim. Eine Wasserburg, deren Grundriss noch heute auf dem Hofgut erkennbar ist, wurde schon 1323 erwähnt. Sie war im Besitz des Klosters Fulda und gehörte als Vorwerk zur Veste Otzberg. Im Mittelalter waren etliche Adelsgeschlechter Lehensnehmer der Fuldaer Äbte. Seit 500 Jahren ist die Anlage im Besitz der Familie zu Löwenstein. 1850 wurde die Wasserburg zur Hofanlage umgebaut.
Der Weg von Semd nach Habitzheim führt über eine schmale Landstraße an fruchtbaren Feldern vorbei. Die Gegend um Habitzheim und Lengfeld bis Groß-Umstadt gehört mit ihren Löss- und Lehmböden zu den fruchtbarsten in Deutschland. Der Ortseingang wird gesäumt von alten Sommerlinden (Tilia platyphyllos). Die Hofreite Habitzheim ist ein geschlossener Vierseithof, der einen viereckigen Hofraum bildet. Das heutige Gutshaus bildet mit dem gegenüberliegenden Gebäude die Haupt- oder Wohnburg, der Rest des großen Vierecks besteht heute aus den Wirtschaftsgebäuden.
Nach Beendigung des Pachtverhältnisses mit der Familie Heil, das 120 Jahre bestanden hatte, übernimmt 1972 die Familie zu Löwenstein das Hofgut, um es selbst zu bewirtschaften. 1986 ging der landwirtschaftliche Betrieb an den Sohn Felix über, der 1989/90 mit dem Anbau von Heil- und Gewürzkräutern begann. Mit der Mitgliedschaft in der Anbaugemeinschaft Agrimed, einer hessenweiten Arznei- und Kräuteranbau-Erzeugergemeinschaft, entstand die Idee, Kamille ökologisch anzubauen. Die Agrimed hat ihren Sitz in Trebur und ist dafür zuständig, die Produkte zu vermarkten. Ihr Abnehmer, ein Tee-Produzent, wollte den Kamilleanbau ohne Chemie. Der Vortrag eines Vertreters des Naturlandverbandes in Habitzheim überzeugte Löwenstein, so dass er sich 1992 dem Ökoverband Naturland anschloss. Nach fünf Jahren konventionellen Anbaus bedeutete dies den Einstieg in eine Landwirtschaft ohne Chemie.
„Wenn man als Landwirt eine normale Ausbildung absolviert, hat man das Gefühl, dass man ohne die schützende Hand von BASF und Bayer, also ohne Chemie in der feindlichen Natur nicht überleben kann. Die Erfahrung, dass es auch ohne geht, war ganz überraschend“, erinnert sich Löwenstein. Er bezeichnet sich selbst bescheiden als Landwirt. Nach einem Studium der Agrarwissenschaften an der TU München in Weihenstephan mit dem Abschluss Dipl.ing.agr. machte er seine ersten praktischen Erfahrungen als Verwalter der Gutsverwaltung Graf Walderdorff in Hautzenstein in der Oberpfalz. Zurück an der TU-München, arbeitete er als Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Betriebswirtschaftslehre und promovierte bei Prof. Joachim Ziche. Bevor er seine Tätigkeit auf dem Hofgut Habitzheim aufnahm, wirkte er mehrere Jahre in Haiti und Afrika für die Hilfsorganisation Misereor.
„Man rechnet sich ja gerne reich bei Dingen, die man gerne haben möchte“, weiß Felix Prinz zu Löwenstein. Deshalb stellte er, bevor es mit dem ökologischen Landbau losging, eine betriebswirtschaftliche Rechnung auf und ließ sie von „einem betriebswirtschaftlichen Professor, von dem ich wusste, dass er ökologischen Landbau richtig blöd findet“ überprüfen. „Als er gesagt hat, die Rechnung stimmt, haben wir umgestellt. Die Arbeit muss ökonomisch funktionieren. Man kann nichts in der Landwirtschaft nur aus Neigung machen. Es muss wirtschaftlich funktionieren. Das tut es bei uns, das tut es auch seitdem.“
Zwei Mal wurde eine Ernte mit Herbiziden kontaminiert, durch Spritzmittel, die nicht in unmittelbarer Nachbarschaft angewandt wurden. Das Gift war über die Luft in die Kultur hineingekommen. Im ersten Fall trat eine Verunreinigung in der Melisse auf. Sie wurde von einem Kartoffelfungizid verursacht, obwohl es gar keine direkten Kartoffelnachbarn gab. Das Pflanzenschutzamt wies aber darauf hin, dass bei ungünstigen Windverhältnissen ein Wirkstoff auch über 500 Meter verfrachtet werden könne. Der zweite Fall war ein Getreideherbizid im Fenchel. „Was mein Fenchel abkriegt, das geht auch in meine Atemluft. Das halte ich für einen Grund, warum man als Verbraucher auch über die unmittelbare Wirkung der Lebensmittel auf sich selber hinaus am Ökolandbau interessiert sein sollte“, begründet Löwenstein seine Arbeit.
Auf seinem Biohof mit einer Betriebsfläche von 138,63 ha Acker und Grünland und 100,65 ha Wald, der dem Naturland-Verband angehört, finden jährlich externe Kontrollen statt, die auf dem Hof Habitzheim jeweils 1 ½ Tage dauern. Es handelt sich um eine Prozesskontrolle, die überprüft, wie gearbeitet wird. Es wird also nicht nur das Produkt kontrolliert, sondern auch der Produktionsvorgang. Sehr genau unter die Lupe genommen werden zudem die Bücher: Es wird geschaut, was Input und Output war und ob die Mengen, die verkauft wurden, mit den Mengen korrespondieren, die geerntet werden konnten. Es gilt viele Fragen zu beantworten: Welche Stoffe wurden eingesetzt und welche nicht? Werden die Vorschriften für ein Mindestmass an Leguminosen eingehalten oder die Mindestfläche pro Huhn?
Bislang war die Ökologische Landwirtschaft auf dem Hofgut Habitzheim nicht immer leicht, doch das ist die Landwirtschaft generell nicht. Löwenstein stieg tief in die Produktion von Heil- und Gewürzkräutern ein, für die es auf dem Markt eine Nachfrage gibt. Das Hauptprodukt ist flächenmäßig nach wie vor die Kamille, dazu werden aktuell Fenchel, Ringelblume, Melisse, Artischocke (wegen der Blätter für einen Arzeneitee) und Löwenzahn angebaut. Ansonsten wachsen auf den Feldern auch ganz normale Produkte wie Getreide, Zuckerrüben und zurzeit die Kartoffelsorten Ditta und Agria. In dem begünstigten Weinbauklima um Habitzheim mit den guten und tiefgründigen Böden ist die Palette der möglichen Kulturarten sehr viel breiter als 10 km weiter im Odenwald.
Verkauft werden die Produkte an Großabnehmer, zum Beispiel die Ringelblumen an Weleda. Einen geringen Teil der Kartoffeln, etwas Getreide und die Eier der auf dem Hof lebenden 200 Hühner vermarktet der Biolandhof am Hasselbach von Jo Jung in Ober-Klingen in seinem Hofladen in der Wiesenstraße 11. Er fährt aber auch die Bio-Läden ab und liefert an sie zusätzlich eigene Produkte.
Felix Prinz zu Löwenstein ist kaum noch in der Aussenwirtschaft tätig. Er macht die administrative Verwaltung am Hof und ist durch seine Verbandstätigkeit - Mitglied im Präsidium des Naturland-Verbandes, Stellvertretender Vorsitzender des Hessischen Grundbesitzer-Verbandes, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL), Vorstandsvorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) - viel unterwegs. Für die Arbeiten in Feld und Hof ist ein Betriebsleiter zuständig.
Für den Generationswechsel ist auf dem Hofgut Habitzheim gesorgt. Die zweitälteste Tochter Johanna wird den Hof mit ihrem Mann am 1. Juli 2014 übernehmen. Sie hat das Hotelfach und Tourismus mit Eventmanagement studiert. Überall auf dem Hof begegnet man Kunstwerken aus Metall, gefertigt vom Künstlerschmied Georg Wolf, der neben seinem Atelier auch seine Schmiede in der ehemaligen Brennerei auf dem Hof hat.
Der zweite Betriebszweig des Hofgutes wird von der Ehefrau Elisabeth Prinzessin zu Löwenstein geleitet. Die Vermietung der zwei umgebauten Gewölberäume für Hochzeiten und Veranstaltungen hat sich sehr erfolgreich entwickelt. Zwischen März und Oktober 2009 sind die Räume nahezu lückenlos ausgebucht. Man heiratet gerne in Habitzheim. Im Ort gibt es eine katholische und eine protestantische Kirche, auf dem Hof einen Raum, der als Standesamt dient. Außerdem hat das Hofgut für die hier feiernden Gäste zum Übernachten mehrere Fremdenzimmer.
Früher feierte man klassische Hoffeste auf dem Hofgut Habitzheim. Seit einigen Jahren findet am letzten Sonntag im April ein Benefizhoffest mit Theateraufführung für das „Libanonprojekt“ statt. Bei dieser Aufführung spielen nicht nur vier Töchter mit, sondern Felix Prinz zu Löwenstein selbst. Das „Libanonprojekt“ der Gemeinschaft junger Malteser unter der Leitung von Johanna zu Löwenstein dient der Arbeit mit Behinderten im Libanon. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Denn am 11. Oktober 2008 verlieh die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe e.V. den Westfälischen Friedenspreis an Kofi Annan, den früheren Generalsekretär der Vereinten Nationen, und an das Libanonprojekt. Damit wird jeder Preisträger symbolisch in die „Hall of Peace“ aufgenommen. „Ich bin mit riesiger Begeisterung in dem Theater-Projekt engagiert, war aber noch nie im Libanon-Camp selbst. Mir fehlt die Zeit dafür. Mit dem Benefiz-Theaterprojekt sammeln wir Geld für die Durchführung dieses Projekts im Libanon“, sagt Felix Prinz zu Löwenstein. Mit dem Theaterstück ging die Gruppe im Mai 2009 auch auf Tournee und spielte in Köln, Berlin, München und Hamburg.
Kontakt:
Hofgut Habitzheim (Naturland) Felix Prinz zu Löwenstein Elisabeth Prinzessin zu Löwenstein Schlossgasse 7 64853 Otzberg-Habitzheim T 06162 / 73494 (am besten vormittags) F 06162 / 73594
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http://www.hofgut-habitzheim.de