Das Demeter-Hofgut Oberfeld – ein ökologisches und therapeutisches Zentrum entwickelt sich
Lage
Der Demeter-Hof „Hofgut Oberfeld“ liegt auf dem Areal der früheren Darmstädter Hofmeierei von 1890 und bewirtschaftet das Oberfeld im Osten der Stadt. Die leicht erhöhte Lage des Oberfelds – Ausläufer des Odenwaldes – gibt ihm seinen Namen. Das Hofgut selbst liegt an einer Biegung der Erbacher Straße und grenzt im Westen an den Park Rosenhöhe. Im Norden, Osten und Süden werden die Felder der Domäne von Wäldern eingerahmt. So bleiben die Anbauflächen und ihre Früchte unbeeinflusst von konventioneller Landwirtschaft und genmanipulierten Saaten.
Geschichte
1928 übernahm der Pächter Gustav Vierling die Staatsdomäne Oberfeld des Landes Hessen, die ehemalige Großherzogliche Hofmeierei Oberfeld. Auf dem Hof arbeiteten damals etwa fünfzig Leute. Die Felder wurden noch mit Pferden bestellt, und im Kuhstall standen rund hundert Kühe, die täglich bis zu 1.500 Liter Milch gaben. Sie wurde mit der Kutsche nach Darmstadt geliefert. Die „Milchkutsche“ des Domänenpächters Vierling war bis 1939 in Betrieb. Zudem wurden Schweine gehalten und Pferde gezüchtet, so die 1945 geborene Stute Halla, die mit Hans Günter Winkler viele Siege errang und bis zu ihrem Tod 1979 auf der Domäne ihr Gnadenbrot bekam. Nachdem Gustav Vierlings Sohn Eberhard die
Nachfolge angetreten hatte, musste dieser aus wirtschaftlichen Gründen die Struktur des Betriebes verändern. Er gab die Pferdezucht auf, schaffte die Schweine ab und ebenso bis 1970 die Kühe. Der Betrieb passte sich der modernen landwirtschaftlichen Entwicklung an. Saatgutvermehrung und Zuckerrübenanbau waren lange Zeit die ökonomischen Grundlagen des Betriebes, den Eberhard Vierling bis Juni 2006 mit einem Mitarbeiter weiterführte.
Umstellung und Neuanfang
Als Eberhard Vierling im Jahr 2000 den Hof aus Altersgründen nur noch 6 Jahre bewirtschaften wollte, war die Zukunft der Domäne noch ungewiss. Das Land Hessen hätte entschieden, diese Domäne aufzulösen und die Hofstelle mit den Gebäuden zu verkaufen, so dass sie unter Umständen auch nicht mehr landwirtschaftlich genutzt würden. Die Ackerflächen wollte man an umliegende Bauern verpachten. Die Hofstelle mit den Gebäuden und 90 Hektar, also zwei Drittel der Ackerflächen, waren Eigentum des Landes Hessen, während sich die Stadt Darmstadt und private Eigentümer das restliche Drittel teilten. Es gab im Magistrat der Stadt Darmstadt verschiedene Überlegungen zur Zukunft dieser Hofstelle. Eine Idee, die später verworfen wurde, sah vor, die Gebäude abzureißen, um Platz für einen Uni-Standort zu schaffen. Als diese Idee durchsickerte, gründete sich die „Initiative Domäne Oberfeld e.V.“ mit dem Ziel, dort die Landwirtschaft zu erhalten und neu zu entwickeln. Der Verein zählte bald über 100 Mitglieder. Mit Veranstaltungen und Info-Ständen auf dem Oberfeld wandte er sich an die Öffentlichkeit und verhandelte auch mit dem Land Hessen. So konnten am 26. Juni 2006 die Hofstelle mit den Gebäuden gekauft und sämtliche Flächen gepachtet werden.
Die Bürgerinitiative arbeitete von Anfang an mit dem Projekt „Lebensweg e.V.“ zusammen, einem Verein, der sich für Menschen mit Behinderungen einsetzt und sie unterstützt. Dabei wird im sozialtherapeutischen Sinne versucht, ihre Entwicklung fördernde Lebensbedingungen zu schaffen. Dieser Ansatz ist heute fester Bestandteil des Hofguts Oberfeld, denn hier werden Wohn- und Arbeitsstätten für behinderte Menschen entstehen. Um dem Projekteine formelle
Grundlage zu geben, wurde eine Stiftung gegründet, die Stiftung Hofgut Oberfeld. Diese Stiftung ist heute Eigentümerin der Hofstelle mit ihren Gebäuden und Pächterin sämtlicher landwirtschaftlicher Flächen auf dem Oberfeld. Der Kauf wurde möglich durch die große Zustiftung der Software AG – Stiftung, die ihren Sitz in Darmstadt hat und eine der größten Privatstiftungen in Deutschland ist. Damit war das Hofgut Oberfeld in neue Hände geraten.
Die heute dort landwirtschaftlich tätige Hofgut Oberfeld Landwirtschaft AG, von der hier die Rede ist, hat von der Stiftung Teile der Hofstelle und Gebäude gepachtet und die landwirtschaftlichen Flächen untergepachtet. Ihre Vorstände Will Schaumann, Thomas und Kathrin Goebel gründeten zusammen mit etwa 30 engagierten Menschen am 30. Mai 2007 eine Aktiengesellschaft. Viele der neuen Aktionäre waren vorher Mitglieder der Initiative Domäne Oberfeld, und so wurde aus einer Bürgerinitiative ein „Bürgerunternehmen“. Inzwischen sind es über 70 Aktionäre, die sich hinter dieses Unternehmen stellen und ihm zu einem Eigenkapital von über 500.000 Euro verholfen haben. Damit konnte man die Umstellung auf einen Demeter-Betrieb vorantreiben. Der Vorstand der AG wird unterstützt von vier festen Mitarbeiter, einem Lehrling und drei Praktikanten. Hinzu kommen viele ehrenamtliche Helfer, die zum Beispiel jeden zweiten Samstag beim „Arbeitseinsatz“ helfen umzubauen, neu zu bauen oder praktische Hilfen geben.
Landwirtschaft in der Umstellung
Der Betrieb wurde ohne Vieh übernommen. Es gab nur Ackerbau: 70 Hektar Gerste auf dem Halm und 40 Hektar Zuckerrüben. Durch die Umstellung auf einen Demeter-Betrieb ist der Ackerbau heute wesentlich vielfältiger. Es werden Kleegras, Körnerleguminosen (z.B. Ackerbohnen, Erbsen, Wicken und Lupine), vier verschiedene Getreidearten und beim Weizen vier verschiedene Sorten angebaut, um herauszufinden, welche Sorten hier gut hinpassen. Am Rande der Felder legte man Blühstreifen an, auf denen Sonnenblumen, Lupinen, Phacelia, Malve, Klee und Granatklee wachsen, deren Blüten Bienen und andere Insekten anlocken. Viele Vögel ernähren sich wiederum von den Insekten und den Samen. Das Oberfeld hat sich dadurch biologisch sehr verändert, ist bunter geworden und erfreut mit seiner Blütenpracht die zahlreichen Spaziergänger. Diese und die Anwohner geben den Betreibern immer wieder positive Rückmeldungen.
Die Betriebsleitung setzt sich zusammen aus Will Schaumann und dem Ehepaar Thomas und Kathrin Goebel. Die Goebels kommen ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und haben eine Lehre in der Landwirtschaft abgeschlossen. Kathrin Goebel studierte in Gießen Tiermedizin und Thomas Goebel in Witzenhausen bei Kassel Landwirtschaft. Er schloss das Studium als Dipl.-Ing. Agrar (FH) ab. Nach Aufenthalten in verschiedenen Regionen in Deutschland landeten sie in Hessen. Beide hatten ein Projekt zum Aufbau einer Landwirtschaft gesucht und über Kontakte von diesem Projekt erfahren. Sie stellten sich mit einem Konzept bei der Bürgerinitiative vor, und Ende 2004 wählte man sie unter mehreren Bewerbern aus.
Tierhaltung hat auf dem Oberfeld Tradition. Mit einer kleinen Rinderherde knüpften die Landwirte 2006 daran an. Heute sind es schon 23 kleinere und größere Rinder, die auf der Weide stehen. Die meisten gehören zum „Schwarz-Bunten-Niederungsrind“, einer älteren, vom Aussterben bedrohten Rasse. Es zählt zu der Kategorie „Zweinutzungsrind“, das Milch und Fleisch liefert. Für den ökologischen Landbau ist es gut geeignet, weil robust und nicht auf Hochleistung gezüchtet. Mit dem Aufbau dieser Herde wollen die Landwirte die genetische Vielfalt erhalten. Die heutigen Rassen sind spezialisiert und geben entweder sehr viel Milch, deren Qualität fraglich ist, oder nur Fleisch. Gemolken wird die kleine Herde im Moment noch nicht. Dazu muss erst ein Stall mit Melkstand gebaut werden, dies erfordert eine hohe Investition. Das Milchvieh wieder auf dem Oberfeld zu etablieren, ist die größte Herausforderung für die Betreiber.
In dem neuen Kuhstall soll eine Herde von 45 Kühen Platz haben. Das ist die Zielgröße.Vermarktet werden soll vor allem direkt, d.h. die Anzahl der Kühe richtet sich nach dem Bedarf der Kunden. Im ökologischen Landbau spielt die Widerkäuerhaltung für die Fruchtbarkeit der Böden eine große Rolle. Das angebaute Kleegras fressen die Kühe zusammen mit dem Stroh, und durch die Ausscheidung entsteht Festmist als Dünger. Dieser ist die eigentliche Grundlage für die nachhaltige Fruchtbarkeit der Böden und ein weiteres starkes Motiv, die Milchkühe hier wieder zu etablieren.
Neben den Kühen werden auch Legehennen gehalten. Es gibt inzwischen zwei mobile Ställe mit insgesamt 400 Hennen. Die Klappen der Ställe öffnen sich täglich um 11 Uhr, wonach sie zum Scharren herauskommen. In der Dämmerung kehren die Hühner von alleine in die Ställe zurück, und die Klappen schließen sich wieder. Hier sind die Hennen fuchssicher und vor Wind und Wetter geschützt. Die täglich produzierten circa 330 Eier werden unter anderem am Hofladenstand direkt verkauft. Die Kunden schätzen das frische Bio-Ei, das neben dem Brot ein Schlüsselprodukt im Hofladen auf dem Oberfeld ist. Ab Herbst soll das erste selbst gebackene Brot verkauft werden. Das angebotene Sortiment stammt großteils von verschiedenen Demeter- und Bio-Betrieben aus der Region. Da der Stand im Eingangsbereich des Hofes auf Dauer zu klein ist, ist ein größerer Hofladen mit Verkaufsraum geplant.
In der Direktvermarktung will das Hofgut Oberfeld auch die Bewirtung erweitern. Etliche Firmenfeiern und Hochzeiten werden auf dem Hof schon ausgerichtet. In diesem Jahr finden im Schnitt zwei geschlossene Gesellschaften pro Woche statt. Für Hofbesucher werden jährlich drei große Hoffeste gestaltet. Die Termine dazu stehen im Veranstaltungskalender auf der Homepage.
Sozialtherapie – die zweite Säule
Der Projekt Lebensweg e.V. betreibt mit der Heydenmühle e.V. in Otzberg-Lengfeld eine sozialtherapeutische Einrichtung für Menschen mit Behinderung und führt diese Arbeit auf dem Hofgut Oberfeld weiter, wo ein zweiter Standort aufgebaut wird. Im Moment kochen zum Beispiel die Bewohner der Heydenmühle im Gutshaus drei Mal in der Woche für die auf dem Hof Beschäftigten das Mittagessen. Damit das Projekt effektiv arbeiten kann, müssen neue Wohn- und Arbeitsräume und eine Werkstatt gebaut werden.
Lernort Bauernhof
Von Anfang an existiert das Projekt „Lernort Bauernhof“ einer naturpädagogischen Initiative, die sich mittlerweile als Verein organisiert hat. Er bietet für Gruppen und Schulklassen individuelle Programme rund um die Landwirtschaft und unsere Ernährung an. Zu den Themen gehören: Bauernhof erleben, Tiere und Pflanzen, „Ährensache“ vom Feld zum Brötchen, „Mit der Kartoffel durch alle Jahreszeiten“, „Mit der Kuh auf Du und Du“: Wir besuchen Kühe und Kälber, aber auch eine Filzwerkstatt gibt es, wo aus bunter Wolle Zauberbälle, Blütenringe, Kissen, Taschen entstehen und vieles mehr ...
Kultur auf dem Oberfeld
Zurzeit wird im alten Kuhstall eine Theaterinszenierung vorbereitet. Das Stück „KirschGarten“ nach Anton Tschechow in der Neubearbeitung von Gregor Siber ist ein Projekt von und mit dem Team Odradek. Die Premiere findet am 11. Juni 2009 um 20 Uhr statt, und das 20-köpfige Team arbeitet mit Eifer auf diesen Abend hin. Wer morgens über den Hof geht, kann dort eine Gruppe Darsteller treffen, die zu ihrer Entspannung als Vorbereitung für die Proben ihre Muskeln dehnen. Die Inszenierung wird vom 13. bis 23. Juni zu sehen sein.