Ich krieg die Krise Eigentlich sind wir ja alle ziemlich aufgeklärte Kerlchen, pardon: Jungs und
Mädels. Wir sind ökologisch, basisdemokratisch und gewaltfrei, politisch aufgeweckt
und mit allen Wassern der modernen Welterklärung gewaschen. Uns kann man nichts
vormachen, wir blicken durch. Unser Dorf ist die Welt.
Die Älteren unter uns haben das Wort „Krise“ mit der Muttermilch der
marxistischen Wirtschaftstheorie eingesogen, und so kann uns die aktuelle
Finanz- und Konjunkturkrise im Grunde am wenigsten überraschen. Irgendwann
musste die Blase ja platzen.
Klar doch.
Trotzdem ist es merkwürdig, wie unheimlich uns die Krise zugleich erscheint,
wie merkwürdig ungreifbar und doch allgegenwärtig. Alle reden über sie, alle
haben irgendwie Angst vor dem, was kommt, aber viele sagen auch: Ich spüre noch
gar nichts. Noch haben die meisten sogar etwas mehr Geld in der Tasche als vor
Jahresfrist, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Preise, allen voran Öl und
Benzin, drastisch gefallen sind.
Was wäre wohl, wenn wir nicht die Massenmedien hätten, Boulevardzeitungen,
Fernsehen und Internet, die sich mit täglichen, ja stündlichen Eil- und
Katastrophenmeldungen gegenseitig den Rang abzulaufen versuchen. Motto: Wir
haben’s als Erste gemeldet: Jetzt alles noch viel schlimmer...
Würden wir dann vielleicht gar nichts merken?
So ist es natürlich nicht. Die Folgen der weltweiten Rezession werden immer
spürbarer. Aber dennoch klafft ein merkwürdiger Graben zwischen den
Hiobsbotschaften aus der Finanzwelt und der persönlichen Wahrnehmung im Alltag.
Abgesehen von dem Big Bang des ganzen Systems, an dessen Vermeidung China und
Russland genauso arbeiten wie Amerika und die Europäische Union, droht den
meisten Bürgern vor allem eine Gefahr: Der Verlust des Arbeitsplatzes mit allen
seinen Folgen.
Die beinah paradoxe Reaktion vieler Bürger besteht bislang darin, dass sie nun
erst recht das Geld ausgeben, über das sie noch verfügen. Gerade die
unglaublichen Buchwertverluste in Millionen von Wertpapierdepots, all die
sinnlos verbrannten Milliarden rund um den Globus, bringen viele auf den sehr
nahe liegenden, aber auch äußerst lebensklugen Gedanken, sich jetzt wenigstens
handfeste Gebrauchswerte und schöne Dinge für die hart verdienten Euros
anzuschaffen, die andernfalls morgen schon im schwarzen Schlund des
kollabierenden Finanzsystems verschwunden sein könnten.
Das ist die pure Psychologie, ein marktwirtschaftliches Reiz-Reaktionsschema.
Aber wie lange wird der Effekt vorhalten?
Und: Worin besteht eigentlich die wirkliche Herausforderung?
„Die Situation ist da“, hat Konrad Adenauer, der erste Kanzler der
Bundesrepublik Deutschland, rheinisch ernst gesagt.
Heute könnte das heißen: Es geht darum, die Angst vor der Angst zu überwinden,
die Lage anzunehmen, wie sie ist, kurz: sich dem zu stellen, was kommt. Am
besten mit einer Mischung aus Pragmatismus und Furchtlosigkeit. Ein bisschen
Humor könnte auch nicht schaden.
Wie das geht, haben schon die alten Griechen gewusst, die Stoiker, Plutarch,
Seneca und der Römerkaiser Marc Aurel, viele Jahrhunderte später der
Frankfurter Philosoph Arthur Schopenhauer. Sie alle rieten zu einer Art
Doppelstrategie: Nimm all das möglichst gelassen und heiter, was Du nicht ändern
kannst, doch versuche zugleich all jene Dinge, die Du womöglich beeinflussen
und ändern kannst, tatkräftig in Angriff zu nehmen.
Teil 1 der uralten Lebensweisheit wäre so gesehen eine geistig-moralische „Bad
Bank“, eine Art Feuerwehrteich der verwundeten Seele, in der sich die bad
vibrations des diffusen Unbehagens und der vagabundierenden Ängste sammeln
könnten.
Teil 2 bestünde aus den praktischen Maßnahmen des gesunden Menschenverstandes.
Sie reichen vom politischen Protest bis zur krisenfesten Haushaltsführung.
Das Zauberwort hieße aktive Lebensführung. Der Versuch, wenigstens den eigenen
Alltag zu gestalten.
Denn nichts ist schlimmer als das lähmende Gefühl von
Ohnmacht und Passivität, das Warten auf das befürchtete Unglück. Das kommt,
wenn es kommt, sowieso und von ganz alleine.
Das Glück aber muss man sich auch ein bisschen erarbeiten. Der Rest ist
Hoffnung.
Das Motto des Berliner Karnevalszuges 2009 heißt vielleicht nicht ganz
zufällig: „Et hätt noch immer jut jejange“.
Reinhard Mohr
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