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02/08_Reinhard Mohr Kolumne - Ich krieg die Krise Drucken

 Ich krieg die Krise

 

 Eigentlich sind wir ja alle ziemlich aufgeklärte Kerlchen, pardon: Jungs und Mädels. Wir sind ökologisch, basisdemokratisch und gewaltfrei, politisch aufgeweckt und mit allen Wassern der modernen Welterklärung gewaschen. Uns kann man nichts vormachen, wir blicken durch. Unser Dorf ist die Welt.
Die Älteren unter uns haben das Wort „Krise“ mit der Muttermilch der marxistischen Wirtschaftstheorie eingesogen, und so kann uns die aktuelle Finanz- und Konjunkturkrise im Grunde am wenigsten überraschen. Irgendwann musste die Blase ja platzen.

Klar doch.
Trotzdem ist es merkwürdig, wie unheimlich uns die Krise zugleich erscheint, wie merkwürdig ungreifbar und doch allgegenwärtig. Alle reden über sie, alle haben irgendwie Angst vor dem, was kommt, aber viele sagen auch: Ich spüre noch gar nichts. Noch haben die meisten sogar etwas mehr Geld in der Tasche als vor Jahresfrist, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Preise, allen voran Öl und Benzin, drastisch gefallen sind.
Was wäre wohl, wenn wir nicht die Massenmedien hätten, Boulevardzeitungen, Fernsehen und Internet, die sich mit täglichen, ja stündlichen Eil- und Katastrophenmeldungen gegenseitig den Rang abzulaufen versuchen. Motto: Wir haben’s als Erste gemeldet: Jetzt alles noch viel schlimmer...
Würden wir dann vielleicht gar nichts merken?
So ist es natürlich nicht. Die Folgen der weltweiten Rezession werden immer spürbarer. Aber dennoch klafft ein merkwürdiger Graben zwischen den Hiobsbotschaften aus der Finanzwelt und der persönlichen Wahrnehmung im Alltag. Abgesehen von dem Big Bang des ganzen Systems, an dessen Vermeidung China und Russland genauso arbeiten wie Amerika und die Europäische Union, droht den meisten Bürgern vor allem eine Gefahr: Der Verlust des Arbeitsplatzes mit allen seinen Folgen.
Die beinah paradoxe Reaktion vieler Bürger besteht bislang darin, dass sie nun erst recht das Geld ausgeben, über das sie noch verfügen. Gerade die unglaublichen Buchwertverluste in Millionen von Wertpapierdepots, all die sinnlos verbrannten Milliarden rund um den Globus, bringen viele auf den sehr nahe liegenden, aber auch äußerst lebensklugen Gedanken, sich jetzt wenigstens handfeste Gebrauchswerte und schöne Dinge für die hart verdienten Euros anzuschaffen, die andernfalls morgen schon im schwarzen Schlund des kollabierenden Finanzsystems verschwunden sein könnten.
Das ist die pure Psychologie, ein marktwirtschaftliches Reiz-Reaktionsschema.
Aber wie lange wird der Effekt vorhalten?
Und: Worin besteht eigentlich die wirkliche Herausforderung?

„Die Situation ist da“, hat Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, rheinisch ernst gesagt.
Heute könnte das heißen: Es geht darum, die Angst vor der Angst zu überwinden, die Lage anzunehmen, wie sie ist, kurz: sich dem zu stellen, was kommt. Am besten mit einer Mischung aus Pragmatismus und Furchtlosigkeit. Ein bisschen Humor könnte auch nicht schaden.

Wie das geht, haben schon die alten Griechen gewusst, die Stoiker, Plutarch, Seneca und der Römerkaiser Marc Aurel, viele Jahrhunderte  später der Frankfurter Philosoph Arthur Schopenhauer. Sie alle rieten zu einer Art Doppelstrategie: Nimm all das möglichst gelassen und heiter, was Du nicht ändern kannst, doch versuche zugleich all jene Dinge, die Du womöglich beeinflussen und ändern kannst, tatkräftig in Angriff zu nehmen.
Teil 1 der uralten Lebensweisheit wäre so gesehen eine geistig-moralische „Bad Bank“, eine Art Feuerwehrteich der verwundeten Seele, in der sich die bad vibrations des diffusen Unbehagens und der vagabundierenden Ängste sammeln könnten.
Teil 2 bestünde aus den praktischen Maßnahmen des gesunden Menschenverstandes. Sie reichen vom politischen Protest bis zur krisenfesten Haushaltsführung.
Das Zauberwort hieße aktive Lebensführung. Der Versuch, wenigstens den eigenen Alltag zu gestalten.

Denn nichts ist schlimmer als das lähmende Gefühl von
Ohnmacht und Passivität, das Warten auf das befürchtete Unglück. Das kommt, wenn es kommt, sowieso und von ganz alleine.

Das Glück aber muss man sich auch ein bisschen erarbeiten. Der Rest ist Hoffnung.
Das Motto des Berliner Karnevalszuges 2009 heißt vielleicht nicht ganz zufällig: „Et hätt noch immer jut jejange“.

 
Reinhard Mohr

 

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