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| 11/09_Reinhard Mohr Kolumne- Geld, Integration... |
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Geld, Integration und eine neue Form der gemeinschaftlichen ArbeitNun ist die neue Bundesregierung im Amt, Guido reist um die Welt und Angie gibt die gute Mutti. Eines aber ist geblieben: Der ewige Streit ums Geld – von den geplanten Steuererleichterungen bis zur EU-Milchzulage, vom Eltern- und Betreuungsgeld bis Hartz IV, von den Krankenkassenbeiträgen bis zur Erhöhung der Pflegesätze.Geld, Geld, Geld. Das ist einerseits völlig richtig und verständlich, weil Geld letztlich der objektiv nachprüfbare Maßstab für die Effektivität gesellschaftlicher Leistungen ist – von der Lebensmittelproduktion bis zur Chemotherapie im Krankenhaus. Geld markiert die Produktivität einer Arbeitsleistung ebenso wie ihre Kosten. Ein Beispiel genügt: Der Arbeitsaufwand zur Herstellung eines Kilogramms Butter samt Verpackung und Transport hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gewiss mehrfach halbiert. Kurz: Geld spiegelt durchaus Erfolg oder Misserfolg, also den Reichtum einer Gesellschaft. Einerseits. Andererseits verdeckt der pausenlose Streit ums Geld, an vorderster Front in den politischen Talkshows, etwas mindestens ebenso Wichtiges: Den Willen aller Bürgerinnen und Bürger, tatsächlich Teil einer Gesellschaft zu sein, die für menschenwürdige Zustände und den Fortschritt des Gemeinwesens kämpft. In vergangenen Jahrhunderten wurde dieses gelebte Bewusstsein der Zusammengehörigkeit noch als „Nation“ bezeichnet. Nach den nationalistischen Exzessen des zwanzigsten Jahrhunderts und in Zeiten der zusammenwachsenden Europäischen Union ist das passé. Den Rest erledigt die unaufhaltsame Individualisierung und Differenzialisierung, zuweilen sogar Tribalisierung der modernen multikulturellen westlichen Gesellschaften. Genau da liegt aber auch das Problem jener „zentrifugalen Bindungskräfte“, das viele Soziologen konstatieren: Sie lassen sich eben nicht einfach mit mehr Geld zurückdrängen, und sei es mehr Geld für Bildung, Gesundheit und Sozialstaat. Im Gegenteil. Jüngst wies der streitbare Publizist Henryk M. Broder zu Recht darauf hin, dass immer mehr Geld für soziale Leistungen ausgegeben werde (auch für Hartz IV), zugleich aber der Wirkungsgrad, also die Effektivität der Armutsbekämpfung, ständig weiter sinke. Resultat: Trotz steigender Sozialausgaben wächst das, was nicht nur Soziologen die „Unterschicht“ oder das „Prekariat“ nennen. Oft verfestigen sich derartige Strukturen der Abhängigkeit vom Staat über Generationen hinweg – ohne Perspektive auf ein anderes, eigenständiges, selbst bestimmtes und selbst finanziertes Leben. In bestimmten Großstadt-Milieus von Migranten und „deutschstämmigen“ Dauerempfängern sozialstaatlicher Transferleistungen scheint die Idee, das Leben mit allen Chancen und Risiken selbst in die Hand zu nehmen, völlig verschwunden. So gibt es auch keine handfeste Erfahrung von erfolgreichem Aufstieg (jenseits all der billigen Medienträume vom „Superstar“) mehr, ja, schon der Gedanke, aus eigener Kraft „nach oben“ kommen zu können, ist kaum noch in den Köpfen derer, die sie bitter nötig hätten. Umso wichtiger für alle anderen, also für „die Gesellschaft“ der Bürgerinnen und Bürger, über neue Wege nachzudenken, um all jene, die sich und ihr Leben nicht zuletzt selbst marginalisieren, aus der sozialen Isolation – oder dem ethnisch-religiösen Ghetto – herauszuholen. Integration ist dabei keine Angelegenheit zwischen „Deutschen“ und Ausländern“, sondern eine Sache, die die gesamte Gesellschaft betrifft. Trotz aller berechtigten Kritik an schlechter, gar schlecht bezahlter, weil „unqualifizierter“ Arbeit, Stichwort „Mindestlohn“: Ohne Integration in den gesamtgesellschaftlichen Arbeitsprozess gibt es auch keine soziale Integration, weder Respekt noch Selbstwertgefühl. Deshalb sollte sich die Dauerdebatte über Hartz IV, Unterschicht und Parallelgesellschaften in Migranten-Ghettos darauf konzentrieren, neue Formen gemeinschaftlicher Arbeit zu entwickeln, einer Arbeit freilich, die zur Produktivität der Gesellschaft insgesamt beiträgt. Das darf dann auch ruhig wieder Geld kosten. |

