07/09_Reinhard Mohr Kolumne - Krise braucht Urlaub Drucken

Auch die Krise braucht mal Urlaub


Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin der Meinung:
Auch die Krise braucht mal Urlaub. Besser noch wäre es, sie käme gar nicht zurück aus den Sommerferien. Glaubt man einer ganzen Reihe von positiven Zahlen, Prognosen und Trends, dann sieht es sogar ganz danach aus – unabhängig davon, was noch an unangenehmen Spätfolgen auf uns zukommen wird.
Womöglich ist dann im Herbst ein bisschen mehr Zeit, sich noch einmal in Ruhe an die große Umbruchszeit vor zwanzig Jahren zu erinnern, als die Mauer fiel und eine aufregende neue Epoche begann. Dabei geht es nicht zuerst um sentimentale Rückblicke samt Feuerwerk der Gefühle („Wahnsinn!!!“) – die wird uns das Fernsehen zur Genüge bescheren.

Wichtiger noch ist das wache Bewusstsein, dass sich die Welt verändern lässt, dass plötzlich Ereignisse eintreten, mit denen niemand gerechnet hat, dass unversehens „Freiheit“, für viele ein Begriff aus dem Sozialkundeunterricht, zum euphorischen Wort des historischen Augenblicks werden kann: „The Wind of Change“.
Dass dies alles auch für die Gegenwart gilt und für weit entfernte Weltregionen, zeigen die Massenproteste im Iran. Dort, wo die Inanspruchnahme der für uns völlig selbstverständlichen Grund- und Freiheitsrechte mit brutalem staatlichen Terror bis zu Folter und Mord beantwortet wird, ist Freiheit tatsächlich noch ein Leuchtfeuer am Horizont, ein unerreichbares Paradies.

Die nun bald ein Jahr währende Weltwirtschaftskrise hat diese dramatische Wirklichkeit in den Hintergrund gerückt. Die akuten Ängste vor der Rezession, gar Depression bestimmten die öffentliche Debatte und verdrängten die schlichte Tatsache, dass die meisten Europäer sozial und ökonomisch, Krise hin oder her, immer noch auf einer Weltinsel des Wohlstands, ja des puren Luxus leben.

Für die hierzulande so oft bejammerten politischen Verhältnisse gilt das Gleiche. Ob China oder Russland, Birma oder Nordkorea, Somalia oder Zimbabwe – beinah alle Freiheiten und Rechte, die wir vor lauter Gewöhnung, Langeweile und Alltagsnöten gar nicht mehr spüren, sind dort und an vielen anderen Orten der Welt so kostbar wie ein Glas Wasser in der Wüste. Gerade die Erinnerung an die letzten Monate der DDR vor dem Mauerfall kann dabei helfen, den Wert der Freiheit zu ermessen, der im demokratischen „Normalbetrieb“ so geringfügig erscheint.

In einem bemerkenswerten Dokumentarfilm des NDR erzählte jüngst ein früherer DDR-Bürger von einer nächtlichen Einzelaktion am 30. September 1989 in einer thüringischen Kleinstadt, wo er ein selbst getipptes, regimekritisches Flugblatt mit einem Aufruf zur Demonstration an Hauswände und Bäume schlug. Fieberhaft suchten Polizei und Stasi nach dem „Täter“. Ganze Firmen, damals noch „volkseigene Betriebe“, wurden nach der verdächtigen Schreibmaschine durchsucht, deren Besonderheiten Graphologen in aufwendigen Untersuchungen festgestellt hatten. Wäre der „Täter“ geschnappt worden, hätte ihm eine jahrelange Gefängnisstrafe gedroht – wegen eines harmlosen Flugblatts, das heute niemand beachten würde. Damals aber war es noch eine Heldentat. Nicht zuletzt diese mutige Aktion, auf die tatsächlich mehrere, immer größer werdende Demonstrationen (wie in der ganzen DDR bis zum 9. November 1989) folgten, hat verhindert, dass der Mann im Knast landete. So hat er sich seine Freiheit gleichsam doppelt selbst erkämpft.

Gerade in Zeiten, da in den Blogs des Internet, per Twitter oder Youtube jedermann tagtäglich jammervolle Klage über alles und jedes erheben kann – völlig kostenfrei und ohne jedes Risiko, abgesehen vom Risiko, sich lächerlich zu machen – ist dies eine äußerst wertvolle Erfahrung.
Sie wird hoffentlich alle Krisen überdauern.


REINHARD MOHR

 

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