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| 01/08_Reinhard Mohr Kolumne - Kleine Widersprueche im Alltagsleben |
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Von den kleinen Widersprüchen im Alltagsleben„Fragen der Alltagsmoral“ heißt eine wöchentlich wiederkehrende Kolumne eines Berliner Radiosenders. Hörer haben in ihrem privaten Leben irgendetwas getan, was ihnen im nachhinein ethisch zweifelhaft vorkommt. Meist sind es Kleinigkeiten, etwa der Art: Darf ich einen kostbaren öffentlichen Parkplatz in meiner Straße benutzen, obwohl ich um die Ecke eine Garage habe und nur zu faul bin, spätnachts noch das Garagentor zu öffnen? Selbst der rundum gebildete Radio-Philosoph gerät hier ins Grübeln: Ist das nun eine lässliche Alltagssünde oder doch ein Vergehen gegenüber jenen, die einen der raren Parkplätze nur zu gut gebrauchen könnten? Aber so ist der Mensch, ewig zwischen Selbstgerechtigkeit und Selbstzweifeln schwankend. Dazu kommen jede Menge Grenzfälle. Ich zum Beispiel frage mich immer wieder, ob ich mich vor Gott und der Welt schuldig mache, wenn ich einen Eimer Wasser vom Balkon meiner Wohnung im dritten Stock am Berliner Kollwitzplatz in Richtung jener Straßenmusikanten schütte, deren furchtbare Quetschkommodenklänge mich regelmäßig in den gefühlten Wahnsinn treiben. Einerseits: Was ist schon harmloses Leitungswasser gegen wütenden Lärmterror? Andererseits: Formal haben die Flitzpiepen mit Gitarre und Trompete das Recht, auf dem Bürgersteig vor meiner Wohnung ihre musikalisch-ökonomischen Interessen auszuleben. Was also soll ich tun? Was heißt hier konkret „ethisch leben“, ökologische Nachhaltigkeit und Zukunft der Menschheit? Mit gutem Zureden und vernünftigen Argumenten kommt man oft nicht weit. Das wissen wir alle, obwohl man es immer wieder versuchen muss. Einsicht in die Notwendigkeit sei Freiheit, sagte Immanuel Kant, aber sie stellt sich eben nicht per Volksabstimmung, repräsentativer Umfrage oder per Dekret her, sondern erst im Laufe unzähliger Auseinandersetzungen in der Gesellschaft über richtig und falsch. Am Beispiel Biosprit sieht man zudem, wie sich in kurzer Zeit Einsichten verändern können: Plötzlich sehen wir, dass vermeintlich „grünes“ Benzin woanders auf der Welt für Hunger und Not sorgen kann, weil die landwirtschaftlichen Anbauflächen mit Nutzpflanzen zugepflastert sind. Nicht zuletzt: Es gibt handfeste Interessenkonflikte – nicht nur zwischen rumänischen Straßenmusikanten und zu Hause arbeitenden Journalisten. Zehn Etagen darüber gibt es zum Beispiel den Konflikt zwischen deutschen Bauern, darunter auch Bio-Bauern, die auf staatlich-europäische Subventionen angewiesen sind – und jenen Millionen Landarbeitern in Afrika und Lateinamerika, die unter den subventionierten, künstlich verbilligten europäischen Exportprodukten leiden. Was unter dem Aspekt der Entwicklungshilfe richtig wäre – die komplette Streichung aller Agrarsubventionen – ist für Tausende deutscher Bauern der Untergang des Abendlandes. Fünf Stockwerke darunter wiederum kämpfen wir Konsumenten tagtäglich um die Frage, was ethisch richtig ist. Gewiss, es gibt eine ganze Menge klare Sachen: Obst und Gemüse aus der Region, wenn’s geht beim Biohändler, und immer schön passend zu den Jahreszeiten. Motto: Keine Erdbeeren im Winter, keine Blumen aus Costa Rica. Andererseits haben Studien schon ergeben, dass etwa der durchschnittliche CO2-Verbrauch bei importierten Lebensmitteln nicht unbedingt höher sein muss bei als Blumen, Tomaten oder Kartoffeln, die aus dem Brandenburger Umland per LKW nach Berlin gekarrt werden. Und: Wenn Europa, mit und ohne Subventionen, Millionen Tonnen Lebensmittel in alle Welt exportiert, soll dann die „Dritte Welt“ auf ihren dringend benötigten Exportprodukten sitzen bleiben, damit wir ein gutes Gewissen haben können? Und schließlich: Wie geht das zusammen – Biokarotten vom Wochenmarkt und der Billigflug nach Thailand? Den Bionade-Kasten mit dem Landrover abholen und dann nach Südfrankreich brettern, die tollen Sporträder schön fest hintendrauf geschnallt? Ich will nur eines sagen: Man kann sich oft für das Bessere und gegen das Schlechtere entscheiden. Das absolut Gute gibt es nicht. Ich will nur eines sagen: Man kann sich oft für das Bessere und gegen das Schlechtere entscheiden. Das absolut Gute gibt es nicht. Und die Welt retten aus dem Geiste der bio-ökologischen Nachhaltigkeit? Schön wär’s. Aber so einfach wird es uns leider nicht gemacht. Jedoch, ein Anfang wär’s schon. Ich werde ja nicht mal mit den Straßenmusikanten unter meinem Balkon fertig. |

