Die Angsthasenkultur Nun haben wir also auch die Schweinegrippe glücklich überstanden. Genauso wie zuvor die Vogelgrippe, SARS und den Rinderwahn, Amphetamine im Bier ebenso wie Cumarin in Zimtsternen. Nicht zuletzt „Deutschland sucht den Superstar“.
Keine Angst: Es soll hier nicht der zynischen Verharmlosung von bösen Risiken das lose Wort geredet werden. Aber könnte es nicht sein, dass wir uns inzwischen in einer Hysterie- und Übertreibungs,- ja in einer regelrechten Angsthasen-Kultur eingerichtet haben, in der immer nur der schlimmste anzunehmende Fall unterstellt wird? Meist genügen ein paar Experten, die Weltgesundheitsorganisation WHO, eine der unzähligen Unterabteilungen der UNO oder schlicht eine „neue Studie“ – und schon wird Großalarm ausgelöst. Die Medien kennen tage-, ja wochenlang kein anderes Thema, eine Sondersendung jagt die andere, und Caren Miosga zieht ihre Augenbrauen noch ein wenig höher als sonst, wenn sie vom Elend der Welt in den „Tagesthemen“ berichtet. Der Medienforscher Hans Martin Kepplinger hat jüngst auf ein typisches Phänomen hingewiesen, das im Fall der „Schweinegrippe“ wieder einmal funktioniert hat: Alle starren auf das theoretisch mögliche Potential der Gefahr, etwa einer tödlichen Pandemie, doch deren Eintrittswahrscheinlichkeit wird gar nicht näher untersucht und bewertet. Es genügt, dass eine massenmörderische Grippe denkbar und vorstellbar, kurz: nicht völlig auszuschließen ist, um die globale Maschinerie der Angsterzeugung anzuwerfen. Wohl gemerkt: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, und gerade hierzulande sind die Vorkehrungen gegen ansteckende Viruserkrankungen hervorragend, gründlich und gut organisiert. Typisch deutsch eben. Typisch deutsch ist leider auch das mediale Trommelfeuer, bei dem die Leser, Zuschauer und Zuhörer bald nicht mehr unterscheiden können, was ernstzunehmende Warnung und was auflagenstärkende Panikmache ist. Tun kann der einzelne sowieso meist nichts (außer Händewaschen), und so verstärkt der mediale Alarmismus die allgemeine Hilflosigkeit noch weiter. Vergleichbares gilt übrigens für die – natürlich völlig anders gelagerte – Finanz- und Wirtschaftskrise. Inzwischen ist auch hier klar, dass der ganz große Big Bang wie bei der Weltwirtschaftskrise von 1929 ausbleiben wird. Im Gegenteil: Die Anzeichen mehren sich, dass es bald wieder aufwärts gehen könnte.
Unterdessen macht sich aber auch ein Gegentrend bemerkbar. Man könnte ihn die „neue Gelassenheit“ nennen. Die Leute bleiben erstaunlich ruhig und lassen sich offenbar weniger ins Bockshorn jagen als früher. Das mag einen ganz einfachen Grund haben: den Abstumpfungseffekt des unentwegten Medienrauschens. Wenn trotz aller Kassandrarufe der Weltuntergang wieder einmal ausgeblieben ist (an den alltäglichen, „kleinen“ Weltuntergang in großen Teilen Afrikas, an Hunger, Aids und hohe Kindersterblichkeit haben wir uns ja längst gewöhnt), reagiert man beim nächsten Mal schon skeptischer. Anders formuliert: Viele Bürger durchschauen den Medien-Mechanismus der selbst produzierten Angstspirale und warten erst einmal ab, bevor sie in hektische Ersatzhandlungen verfallen.
Und noch etwas mögen viele von uns nach Dutzenden von Katastrophenszenarien der letzten Jahrzehnte erkannt haben: Wer sich dauernd aufregt, sorgt und ängstigt, der verpasst am Ende womöglich den Augenblick, an dem es wirklich gefährlich wird: Zeit zu handeln. Denn die Angstkultur verursacht noch einen eklatanten Kollateralschaden: Sie kostet Zeit, Kraft und Nerven – Dinge, die man sich für bessere und schönere, wer will: auch wirklich dramatische Momente des Lebens sparen sollte.
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